Winter Escape II
Auf der Suche nach dem endlosen Sommer
Kapitel I: Frankreich mit dem Campervan – Von Paris bis Biarritz
Ich muss raus. Einfach nur raus.
Und dann war er plötzlich da. Dieser eine Moment.
Alles verstaut. Die letzten Dinge erledigt. Abschied genommen.
Jerry startklar.
Ein letzter Blick zurück.
Motor an.
Und los.
Raus aus dem Gewohnten. Rein ins Unbekannte.
Keine großen Pläne. Kein festes Ziel. Nur eine grobe Richtung: Süden. Immer der Sonne hinterher.
Die Sehnsucht nach dem endlosen Sommer
Inspiriert von dem legendären Surferfilm The Endless Summer mache ich mich auf die Suche nach etwas, von dem ich bereits weiß, dass ich es vermutlich niemals finden werde.
Den endlosen Sommer.
Denn irgendwann wird auch diese Reise zu Ende gehen. Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter, und vielleicht wird mich der Winter irgendwo unterwegs doch noch einholen.
Aber vielleicht geht es gar nicht darum, den Sommer festzuhalten.
Vielleicht geht es vielmehr darum, das Gefühl von Sommer in sich selbst zu entdecken.
Diese Leichtigkeit. Das Gefühl von Freiheit. Die unbändige Lust, einfach nur lebendig zu sein.
Und wer weiß?
Vielleicht ist der endlose Sommer ja gar kein Ort auf dieser Welt.
Vielleicht ist er eine innere Haltung.
Walk on the Wild Side
Die ersten Kilometer sind noch ein wenig holprig.
Der Kopf und vor allem meine Seele reist langsamer als der Körper.
Gedanken an das Zurückgelassene, an Unerledigtes, an all die Dinge, die plötzlich keine Rolle mehr spielen sollten.
Noch bin ich nicht wirklich angekommen im Unterwegssein.
Doch mit jedem Kilometer wird es stiller.
Die Landschaft verändert sich. Die Gedanken verlieren langsam ihre Schwere. Der Blick wird weiter, die Neugier größer.
Und irgendwann geschieht es ganz von selbst.
Ich beginne, mich einzulassen.
Auf die Straße. Auf das Ungewisse. Auf das Leben, das sich ohnehin nicht planen lässt.
Offen werden für Begegnungen, für Umwege, für jene kleinen Augenblicke, die sich manchmal erst im Nachhinein als die großen herausstellen.
Und natürlich für die Fotografie.
Denn durch den Sucher meiner Kamera wird die Welt für einen Moment still.
Das Denken tritt zurück.
Es bleibt nur das Licht, der Augenblick und dieses wunderbare Gefühl, mit allem verbunden zu sein.
Fotografieren ist für mich eine Form der Meditation. Ein Innehalten mitten im Abenteuer.
Ein Eintauchen in das, was gerade ist.
Ohne etwas erreichen zu müssen. Ohne irgendwo ankommen zu wollen.
Einfach nur schauen. Staunen. Sein.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Reise.
Nicht möglichst weit zu fahren.
Nicht möglichst viel zu erleben.
Und schon gar nicht, irgendwo anzukommen.
Sondern unterwegs immer wieder bei sich selbst anzukommen.
Mit offenen Augen, einem neugierigen Herzen und der Bereitschaft, sich vom Leben überraschen zu lassen.
Denn die schönsten Geschichten schreibt ohnehin selten derjenige, der alles im Voraus plant.
Sondern derjenige, der sich traut, einfach loszufahren.
Walk on the Wild Side.
Mal sehen, wohin mich das Leben diesmal trägt.
Einfach machen – könnte gut werden!
Ich bin Amrit von Soul-Traveller – passionierter Camper-Ausbauer und Fotograf, Vollblut-Praktiker mit Ingenieurstudium und Elektroniker-Ausbildung. Bei meinen Ausbauten achte ich darauf, dass Lösungen nicht nur gut aussehen, sondern im Alltag wirklich funktionieren. Mehr über mich. . . | Zum Fotoblog. . .
I. Aufbruch: Irgendwo im Nirgendwo
Frankreich.
Allein das Überqueren der Grenze löst etwas in mir aus.
Noch ist der Kopf voller Gedanken. Die vergangenen Wochen stecken mir in den Knochen, und die ersehnte Leichtigkeit lässt noch auf sich warten.
Aber der erste Schritt ist getan.
Ich bin unterwegs. Endlich.
Irgendwo im Nirgendwo, in einem kleinen französischen Dorf, finde ich meinen ersten Stellplatz. Direkt an einem Fluss. Kein spektakulärer Ort, keine große Sehenswürdigkeit. Nur ein paar Häuser, fließendes Wasser und diese wunderbare Ruhe, die man manchmal erst wieder aushalten lernen muss.
Ich streife am Fluss entlang. Ohne Ziel. Ohne Eile.
Die Gedanken wandern noch zwischen gestern und morgen. Doch hin und wieder gelingt es mir, einfach nur da zu sein.
Das Wasser fließt. Die Welt dreht sich weiter. Und ich muss gerade überhaupt nichts.
Wie lange diese Reise dauern wird? Keine Ahnung.
Wo sie mich hinführen wird? Wir werden sehen.
Zum ersten Mal seit Langem muss ich darauf keine Antwort haben.
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo wir aufhören, alles wissen und kontrollieren zu wollen.
Der erste Schritt ist getan. Der Rest darf sich zeigen.
„Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.“
— Laozi, Daodejing, Kapitel 64 (sinngemäße Übersetzung)
II. Paris, der Papst, Amrit und 800.000 Gläubige
Von der Schönheit des Ungeplanten
Paris.
Die Stadt der Liebe, der Kunst, der großen Boulevards und der kleinen Geschichten.
Bewusst habe ich mir Paris als erstes großes Highlight ausgesucht. Nach den turbulenten Wochen der Vorbereitung wollte ich eintauchen. In das Fremde. In die Schönheit. In das pulsierende Leben einer Stadt, die es wie kaum eine andere versteht, ihre Besucher zu verzaubern.
Was ich allerdings nicht wusste:
Der Papst hatte offenbar dieselbe Idee.
Und mit ihm gefühlt 800.000 Gläubige.
Nun ja. So viel zum Thema Ruhe und Besinnlichkeit.
Überall Sicherheitszonen, gesperrte Metrostationen, Menschenmassen und ein gewaltiger organisatorischer Aufwand rund um die Papstmesse auf der Place de la Concorde.
Mit dem Papst habe ich persönlich nicht allzu viel am Hut. Und doch hatte dieses Ereignis etwas Bewegendes. So viele Menschen, vereint durch ihren Glauben, ihre Hoffnung und die Sehnsucht nach etwas, das größer ist als sie selbst.
Auch wenn wir unterschiedliche Wege gehen, ist diese Sehnsucht vielleicht gar nicht so verschieden.
Also hieß es: Pläne über Bord werfen und sich treiben lassen.
Die ungeschminkte Schönheit von Paris
Mein Weg führte mich zunächst nach Saint-Ouen, zum berühmten Marché aux Puces, einem der größten Antiquitäten- und Flohmärkte der Welt.
Ein wunderbares Labyrinth aus kleinen Gassen, verwinkelten Geschäften, alten Möbeln, vergessenen Schätzen und Geschichten aus längst vergangenen Zeiten.
Ich schlenderte einfach los.
Ohne etwas zu suchen.
Und fand genau das, was ich an solchen Orten so liebe.
Das Unperfekte. Das Unpolierte. Das Echte.
Je tiefer ich in dieses Viertel eintauchte, desto mehr offenbarte sich mir eine andere Seite von Paris. Fernab der Hochglanzfassaden und touristischen Postkartenmotive.
Eine Schönheit, die nicht gefallen will.
Die einfach da ist.
Von dort zog es mich weiter nach Montmartre, hinauf zur Sacré-Cœur.
Und plötzlich war er wieder da, dieser wunderbare menschliche Wahnsinn.
Menschen über Menschen. Stimmengewirr, Straßenkünstler, Selfiesticks und ein buntes Durcheinander aus aller Welt.
Mittendrin ich.
Ein wenig überwältigt, aber auch amüsiert von diesem verrückten Schauspiel des Lebens.
Und dann dieser Blick über Paris.
Für einen Augenblick trat das Getümmel in den Hintergrund.
Die Stadt lag vor mir.
Und ich war einfach nur glücklich, hier zu sein.
Andy Warhol, die Seine und das große Theater des Lebens
Am nächsten Tag stand ein kleines kulturelles Highlight auf meinem Programm.
Eine Andy-Warhol-Ausstellung im Musée du Luxembourg.
Ein wunderbarer Kontrast zu den alten Gassen und geschichtsträchtigen Fassaden. Warhol, der Meister der Pop-Art, der das Alltägliche zur Kunst erhob und uns auf seine ganz eigene Weise zeigte, wie verrückt unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit manchmal ist.
Von dort ließ ich mich weiter durch die Stadt treiben.
Vorbei an Notre-Dame, entlang der Seine, bis hin zum Louvre.
Paris zeigte sich von seiner lebendigsten Seite.
Überall Menschen. Gläubige, Touristen, Straßenkünstler, Liebende und jene, die einfach nur unterwegs waren.
Und ich mittendrin.
Nicht als jemand, der möglichst viele Sehenswürdigkeiten abhaken wollte.
Sondern als stiller Beobachter dieses großen, bunten Theaters.
Manchmal blieb ich stehen, nahm meine Kamera zur Hand und versuchte, einen dieser flüchtigen Augenblicke einzufangen.
Ein Gesicht. Ein Lichtreflex. Eine zufällige Begegnung.
Die kleinen Geschichten zwischen den großen Sehenswürdigkeiten.
Vielleicht ist es genau das, was mich an Städten wie Paris so fasziniert.
Dieses scheinbare Chaos, in dem sich bei genauerem Hinsehen eine ganz eigene Harmonie verbirgt.
Und die Erkenntnis, dass Schönheit nicht immer dort zu finden ist, wo wir sie erwarten.
„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“
— Albert Einstein (sinngemäß zugeschrieben)
Und dann ruft der Atlantik …
Nach zwei intensiven Tagen voller Eindrücke, Begegnungen und diesem herrlich verrückten Pariser Lebensgefühl war es Zeit, weiterzuziehen.
Paris hatte mich einmal mehr verzaubert.
Aber irgendwo tief in mir wurde ein anderer Ruf immer lauter.
Das Meer.
Die Weite. Der Wind. Das Rauschen der Wellen.
Dieser unverwechselbare Geruch von Salz in der Luft.
So schön das pulsierende Leben einer Großstadt auch sein mag, irgendwann sehne ich mich wieder nach dem Horizont.
Nach jenem Ort, an dem der Blick nichts mehr festhalten muss.
Am nächsten Morgen hieß es also wieder: Jerry startklar machen, den Campingplatz verlassen und Kurs Richtung Westen nehmen.
Der Atlantik ruft.
Und diesem Ruf kann ich nur schwer widerstehen.
To be continued … 🌊
III. Cap Ferret: Im Atem des Atlantiks
Endlich. Der Atlantik!
Nach dem pulsierenden Leben in Paris zog es mich dorthin, wo mein Herz schon lange zu Hause ist.
Ans Meer. In die Weite. Dorthin, wo der Horizont keine Grenzen kennt.
Doch auf den letzten 50 Kilometern wurde die Vorfreude von einer bedrückenden Stille begleitet.
Verbrannte Wälder. Verkohlte Baumstämme. Ganze Landstriche, die von den verheerenden Waldbränden des Sommers gezeichnet waren.
Nur schwer konnte ich mir vorstellen, welches Inferno hier gewütet haben musste. Welche Tragödie sich zwischen diesen Bäumen abgespielt hatte.
Ein beklemmender Anblick, der nachdenklich stimmte.
Und zugleich diese unbändige Kraft der Natur, die zerstört, sich wandelt und irgendwann wieder neues Leben hervorbringt.
Zwischen Pinien, Dünen und Meeresrauschen
Mein erster Stellplatz lag mitten in einem Pinienwald, direkt hinter einer mächtigen Düne.
Ein paar Schritte durch den Sand – und da war er.
Der Atlantik.
Endlose Strände. Tosende Wellen. Salzige Luft.
Und dieses wunderbare Gefühl, endlich angekommen zu sein.
In dieser ersten Nacht schlief ich zum Rauschen der Brandung ein.
Kein Verkehr. Kein Großstadtlärm. Nur das Meer und ich.
Am nächsten Morgen klopfte allerdings die Realität in Gestalt eines freundlichen Parkrangers an meine Campertür.
Naturschutzgebiet. Übernachten verboten.
Nun gut. Die Natur hat ihre Regeln, und die gilt es zu respektieren.
Also wurde kurzerhand umdisponiert.
Tagsüber zog es mich an die Strände, abends zurück in eines der kleinen Dörfer, wo Jerry und ich einen Platz für die Nacht fanden.
Manchmal braucht Freiheit eben ein wenig Improvisation.
Von der Schönheit des Vergänglichen
Die folgenden Tage ließ ich mich immer weiter Richtung Cap Ferret treiben.
Ohne Eile. Ohne Programm.
Stundenlange Spaziergänge entlang scheinbar endloser Strände. Der Wind im Gesicht, die Kamera in der Hand und dieses gleichmäßige Rauschen der Wellen, das langsam auch die letzten Gedanken an den Alltag davontrug.
Zwischen den hohen Dünen tauchten immer wieder alte Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg auf.
Massive Betonkolosse, einst errichtet für Krieg und Zerstörung, heute halb im Sand versunken, vom Meer gezeichnet und von der Natur zurückerobert.
Ein seltsamer, beinahe surrealer Anblick.
Was der Mensch für die Ewigkeit erschafft, wird irgendwann selbst Teil der Vergänglichkeit.
Die Dünen wandern. Der Wind formt neue Landschaften. Das Meer holt sich zurück, was ihm gehört.
Und mittendrin diese stummen Zeugen einer längst vergangenen Zeit.
„Nichts bleibt, außer dem Wandel.“
— Heraklit (sinngemäße Wiedergabe seiner Lehre)
Ankommen im Unterwegssein
Immer weiter führte mich mein Weg bis an die Spitze der Halbinsel.
Cap Ferret.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht erhob sich die gewaltige Dune du Pilat, die höchste Wanderdüne Europas.
Ein beeindruckendes Naturschauspiel.
Sand, Meer, Himmel.
Und dazwischen nichts, was den Blick begrenzt.
Ein letzter Spaziergang. Ein letzter Blick auf den Leuchtturm von Cap Ferret.
Fast eine Woche war vergangen.
Eine Woche voller Wind, Wellen, Strandspaziergänge und jener kleinen, unspektakulären Augenblicke, die für mich das Reisen so besonders machen.
Langsam wurde es stiller in mir.
Der Vorbereitungsstress, die Unruhe des Aufbruchs, die vielen Gedanken – all das verlor zunehmend an Bedeutung.
Ich begann, wirklich auf dieser Reise anzukommen.
Nicht, weil ich ein Ziel erreicht hatte.
Sondern weil ich allmählich aufhörte, eines erreichen zu müssen.
Einfach unterwegs sein.
Mit offenen Augen. Mit meiner Kamera. Mit Jerry.
Und mit dieser tiefen Faszination für den Atlantik, die mich wohl niemals loslassen wird.
Vielleicht ist das Meer gerade deshalb so magisch.
Weil es uns nichts verspricht.
Weil es nichts von uns verlangt.
Und weil es uns immer wieder daran erinnert, dass das Leben auch ohne unsere Pläne wunderbar weiterfließt.
Der Atlantik hatte mich wieder.
Und die Reise hatte gerade erst begonnen.
To be continued … 🌊🚐
IV. Hossegor: Eine Magie, die sich kaum in Worte fassen lässt
Es gibt Orte, die muss man nicht verstehen.
Man muss sie einfach fühlen.
Hossegor ist so ein Ort.
Ein Name, der in der Welt des Surfens beinahe ehrfürchtig ausgesprochen wird. Ein Ort, an dem der Atlantik seine ganze Kraft entfaltet und Wellen entstehen lässt, von denen Surfer auf der ganzen Welt träumen.
Und ausgerechnet in diesem Spätsommer muss Neptun besonders großzügig gewesen sein.
Nur zwei Tage vor meiner Ankunft sollen hier geradezu epische Wellen an die Küste gerollt sein.
Und ich?
Ich kam gerade noch rechtzeitig, um die letzten Ausläufer dieses Naturschauspiels mitzuerleben.
Barrels. Gewaltige, hohle Wellen, die sich für drei, vier Sekunden zu perfekten Tunneln formten.
Sekunden, die für einen Surfer wohl eine kleine Ewigkeit bedeuten.
Ich stand am Strand, die Kamera in der Hand, und konnte mich kaum sattsehen.
Diese rohe Kraft. Diese Eleganz. Dieses perfekte Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur.
Und wieder einmal dieses Staunen darüber, was das Leben uns manchmal einfach so vor die Füße spült.
Wenn der Sommer langsam Abschied nimmt
Doch Hossegor hatte noch eine ganz andere Magie für mich bereit.
Es war diese wunderbare Zeit zwischen den Jahreszeiten.
Der große sommerliche Trubel war vorbei. Die ersten Strandbars wurden abgebaut, Ferienhäuser winterfest gemacht und die Strände leerten sich langsam.
Und dennoch schien der Sommer nicht gehen zu wollen.
Über 30 Grad. Warme Abende. Salz auf der Haut.
Eine entspannte Gelassenheit lag über dem Ort.
Niemand schien es besonders eilig zu haben.
Die Surfer warteten auf die nächste Welle, die Sonne wanderte langsam Richtung Horizont und das Leben fühlte sich für einen Moment erstaunlich unkompliziert an.
Vielleicht ist das der schönste Sommer. Der, der eigentlich schon vorbei sein sollte.
Wenn die Zeit im Licht verschwindet
Und dann waren da diese Sonnenuntergänge.
Episch. Anders lässt es sich kaum beschreiben.
Abend für Abend verwandelte sich der Himmel über dem Atlantik in ein einziges Farbenmeer.
Besonders die Hafeneinfahrt zwischen den beiden Leuchttürmen hatte es mir angetan.
Zwei stille Wächter am Rande des Ozeans. Dazwischen die Brandung, das einfallende Licht und dieser unendlich weite Horizont.
Ein Motiv wie gemalt.
Und für mich als Fotografen ein kleines Paradies.
Also Stativ aufgestellt. Kamera ausgerichtet. Langzeitbelichtung.
Und warten.
Sekunden wurden zu Minuten. Die Wellen verwandelten sich in sanfte Schleier, das Wasser begann beinahe zu fließen wie Seide und das letzte Licht des Tages zeichnete seine ganz eigenen Geschichten.
Ich experimentierte mit Belichtungszeiten, Perspektiven und dem schwindenden Licht.
Und irgendwann geschah etwas Wunderbares.
Ich vergaß die Zeit.
Kein Gestern. Kein Morgen.
Nicht einmal mehr der Gedanke daran, ein besonders schönes Foto machen zu wollen.
Nur noch das Licht. Das Meer. Die Kamera.
Und ich.
Vollkommen versunken in diesem einen Augenblick.
Vielleicht ist das die eigentliche Magie der Fotografie.
Dass sie uns manchmal genau dorthin führt, wo wir mit all unseren Reisen eigentlich hinwollen.
Ins Hier und Jetzt.
„Das eine Auge des Fotografen schaut weit geöffnet durch den Sucher, das andere, das geschlossene, blickt in die eigene Seele.“
— Henri Cartier-Bresson zugeschrieben
Ein kleines Geschenk des Universums
Und dann war da noch Jerry.
Auf der Suche nach einem Schlafplatz geriet ich eher zufällig in eine kleine Sackgasse eines ruhigen Villenviertels.
Die meisten Ferienwohnungen waren bereits verlassen, die Fensterläden geschlossen und die Häuser auf ihren Winterschlaf vorbereitet.
Eine kleine Stichstraße.
Kein Verkehr. Absolute Ruhe.
Und ein wunderbarer Platz für die Nacht aus der dann drei wurden.
Was für ein Geschenk!
Offenbar nahm niemand Anstoß daran, dass Jerry und ich hier für ein paar Nächte unser kleines Zuhause fanden.
Kein Suchen. Kein Weiterfahren. Kein Müssen.
Einfach bleiben dürfen.
Manchmal sind es gerade diese unscheinbaren Zufälle, die eine Reise so besonders machen.
Wenn man aufhört, alles kontrollieren zu wollen, hält das Leben gelegentlich die schönsten Überraschungen bereit.
Und ich war einfach nur dankbar.
Für diesen stillen Ort. Für die warmen Nächte. Für die Nähe zum Meer.
Für dieses Gefühl, genau dort zu sein, wo ich gerade sein sollte.
„Das Leben ist eine Reihe natürlicher und spontaner Veränderungen. Lass ihnen ihren Lauf.“
— Laozi zugeschrieben, sinngemäß
Ein wenig Magie zum Mitnehmen
So vergingen die Tage in Hossegor beinahe unbemerkt.
Morgens das Meer. Tagsüber die Wellen. Abends dieses goldene Licht, das alles in eine unwirkliche Schönheit tauchte.
Dazwischen lange Spaziergänge, kleine Entdeckungen und immer wieder der Blick hinaus auf den Atlantik.
Keine großen Abenteuer.
Und doch irgendwie alles.
Langsam verstand ich, warum dieser Ort so viele Menschen in seinen Bann zieht.
Es sind nicht nur die Wellen.
Es ist diese besondere Atmosphäre. Diese Mischung aus wilder Natur, sommerlicher Leichtigkeit und einer Freiheit, die sich kaum beschreiben lässt.
Hossegor hat eine Seele.
Und manchmal genügt es, einfach nur da zu sein, um ein kleines Stück davon mit nach Hause zu nehmen.
Irgendwann werde ich wiederkommen.
Vielleicht zur nächsten großen Welle. Vielleicht einfach nur, um wieder barfuß durch den Sand zu laufen.
Oder um noch ein wenig mehr von dieser schwer zu beschreibenden Magie einzuatmen.
Denn manche Orte verlassen wir zwar.
Aber sie verlassen uns nicht.
À bientôt, Hossegor. 🌊🏄♂️🚐
V. Tarnos: Ein Wiedersehen der besonderen Art
Manche Orte besucht man einmal. Andere lassen einen einfach nicht mehr los.
Tarnos ist für mich so ein Ort.
Mittlerweile bin ich zum vierten Mal hier. Und jedes Mal fühlt es sich ein wenig an wie nach Hause kommen.
Hier, im Südwesten Frankreichs, begann 2013 meine erste Autoreise nach Portugal. Damals noch ohne zu ahnen, dass dieses kleine Land am westlichen Rand Europas einmal eine so große Rolle in meinem Leben spielen würde.
Inzwischen war ich fünfzehn Mal in Portugal.
Eine zweite Heimat. Eine Liebe, die ich selbst nicht wirklich erklären kann.
Vielleicht muss man das auch gar nicht.
Manche Orte berühren etwas in uns, das jenseits aller Erklärungen liegt.
Tarnos ist für mich das Tor zum Süden. Nach Spanien. Nach Portugal. Und vielleicht auch immer wieder ein kleines Stück zu mir selbst.
Von verlassenen Stränden und vergessenen Sommern
Und da ist er wieder.
Der Atlantik.
Rau. Wild. Ungezähmt.
Endlose Strände, die noch die Geschichten des vergangenen Sommers in sich tragen. Verlassene Strandhütten aus Treibholz, vom Wind zerzaust, vom Salz gezeichnet.
Überall angeschwemmtes Holz. Äste, Baumstämme und bizarre Gebilde, die das Meer irgendwann an Land gespült hat.
Manche wurden von unbekannten Händen zu kleinen Hütten und Unterschlüpfen zusammengefügt.
Vergängliche Kunstwerke aus dem, was das Meer zurückgelassen hat.
Ich liebe es, hier stundenlang entlangzuschlendern.
Ohne Ziel. Ohne Zeitgefühl.
Der Wind im Gesicht. Die Kamera in der Hand. Das Donnern der Brandung in den Ohren.
In der Nähe des Hafens von Bayonne entdecke ich wieder diese wunderbare, raue Graffiti-Kunst. Farbenfrohe Bilder auf grauem Beton. Urbane Kreativität zwischen Industrieanlagen, Hafenkränen und dem wilden Atlantik.
Eine eigenwillige Schönheit.
Nicht perfekt. Nicht herausgeputzt.
Einfach echt.
Und vielleicht ist es genau das, was mich immer wieder hierherzieht.
Diese ungeschminkte Freiheit.
„Ich wollte Bewegung und nicht einen ruhigen Lauf des Daseins.“
— Jack London, Martin Eden (sinngemäß)
Hollywood lässt grüßen – mitten in Tarnos
Doch dieses Mal hatte Tarnos noch eine ganz besondere Überraschung für mich parat.
Bei einem meiner Streifzüge am Strand geriet ich plötzlich mitten in ein Filmset.
Kameras. Scheinwerfer. Filmcrew. Jede Menge Technik und geschäftiges Treiben.
Hollywood am Atlantik?
Nun ja, zumindest die französische Variante davon.
Wie ich erfuhr, wurde hier gerade für eine aufwendige Fernsehserie namens Florida gedreht. Eine Geschichte über Drogenkartelle und dubiose Machenschaften zwischen Südamerika, Florida, Spanien und Frankreich.
Und ich stand plötzlich mittendrin.
Ausgerechnet an einem jener Abende, an denen der Atlantik wieder einmal seine ganze Magie entfaltete.
Ein fantastischer, beinahe epischer Sonnenuntergang tauchte den Himmel in warme Farben.
Die Filmcrew nutzte diese Kulisse für Szenen, die offenbar einer legendären Fullmoon-Party in Thailand nachempfunden werden sollten.
Thailand am Atlantik.
Drogenkartelle in Südwestfrankreich.
Und mittendrin ein deutscher Vanlifer mit seiner Kamera.
Manchmal schreibt das Leben wirklich die verrücktesten Drehbücher.
Ich musste schmunzeln.
Da fährt man Tausende Kilometer, um dem Alltag zu entfliehen, und landet plötzlich als Zuschauer in einer völlig anderen Welt.
Alte Orte. Neue Geschichten.
So wurde auch dieser Besuch in Tarnos wieder zu etwas Besonderem.
Ein vertrauter Ort, der mich dennoch überraschen konnte.
Vielleicht ist das eines der schönsten Geschenke des Reisens.
Dass selbst Orte, die wir längst zu kennen glauben, immer wieder neue Geschichten für uns bereithalten.
Man muss nur offen genug sein, sie zu entdecken.
Viermal Tarnos.
Fünfzehnmal Portugal.
Und noch immer dieses Kribbeln, wenn ich daran denke, was hinter der nächsten Kurve auf mich wartet.
Die Reise geht weiter.
Richtung Süden.
Immer dem Atlantik entlang. Immer der Sonne hinterher.
Und irgendwo dort draußen wartet vielleicht schon die nächste unerwartete Geschichte.
To be continued … 🌊🚐
VI. Biarritz: Eine gemalte Schönheit mit Blick auf Spanien
Manche Städte sind schön. Andere haben etwas Magisches.
Biarritz gehört für mich zweifellos zu Letzteren.
Irgendwann habe ich mich in diesen Ort verliebt. In seine Eleganz, seine raue Küste und diese unvergleichliche Mischung aus mondänem Seebad und wilder Surferkultur.
Eine Stadt, die sich wie ein Gemälde an den Atlantik schmiegt.
Und jedes Mal, wenn ich hierher zurückkehre, entdecke ich sie aufs Neue.
Zwischen Wellen, Felsen und der Schönheit des Augenblicks
Es ist dieser eine Spaziergang, der mich immer wieder verzaubert.
Entlang der schier endlosen Promenade, vorbei an den prachtvollen Fassaden des Hôtel du Palais, den kleinen Buchten und den mächtigen Felsen, an denen sich der Atlantik mit unbändiger Kraft bricht.
Draußen im Wasser die Surfer.
Geduldig wartend auf jene eine Welle, die vielleicht alles andere für einen kurzen Moment vergessen lässt.
Ein wenig wie das Leben selbst.
Warten. Vertrauen. Loslassen. Und im richtigen Augenblick einfach mitgehen.
Weiter führt mich mein Weg zur weißen Madonna auf dem Rocher de la Vierge, die seit Generationen über die Seefahrer wacht.
Unter mir das tosende Meer. Vor mir die Weite des Atlantiks.
Und am Horizont zeichnen sich bereits die Berge und Küsten Spaniens ab.
So nah.
Und doch noch ein anderes Land, eine andere Sprache, ein neues Kapitel.
Ein Cappuccino und das leise Versprechen des Südens
Besonders die frühen Morgenstunden haben es mir angetan.
Wenn die Stadt langsam erwacht, das erste Licht die Fassaden in warme Farben taucht und der Atlantik noch ganz in seiner eigenen Welt zu sein scheint.
Ein Cappuccino to go.
Die Kamera über der Schulter.
Und dieser wunderbare Spaziergang hinauf zum Leuchtturm.
Von dort oben liegt Biarritz vor mir wie ein Gemälde.
Das Meer, die Stadt, das Licht.
Für einen Augenblick scheint alles genau am richtigen Platz zu sein.
Kein Gedanke an morgen. Kein Wunsch, irgendwo anders zu sein.
Nur dieser eine Moment. Und das stille Glück, ihn erleben zu dürfen.
„Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen.“
— Konfuzius zugeschrieben
Adieu, la France!
Und doch liegt bereits ein Hauch von Abschied in der Luft.
Biarritz markiert das Ende meiner ersten großen Reiseetappe.
Frankreich hat mich wieder einmal reich beschenkt.
Mit dem pulsierenden Leben von Paris, der wilden Schönheit des Cap Ferret, den vertrauten Stränden von Tarnos und schließlich dieser zauberhaften Stadt am Rande der Pyrenäen.
Langsam bin ich angekommen im Unterwegssein.
Die Unruhe des Aufbruchs ist einer wohltuenden Leichtigkeit gewichen.
Und während ich noch meinen Cappuccino genieße und den Blick über den Atlantik schweifen lasse, spüre ich bereits dieses vertraute Kribbeln.
Spanien klopft an.
Nicht gerade leise.
Und wer mich kennt, weiß, dass ich solchen Einladungen nur schwer widerstehen kann.
Also noch ein letzter Blick auf die Küste.
Ein letztes tiefes Durchatmen.
Merci, la France.
Du warst wieder einmal wunderschön.
Aber der Süden ruft. Und der endlose Sommer wartet nicht.
Hasta luego – die Reise geht weiter … 🌊🚐☀️